"Optimierte" Postkarten

Manchmal wurde die Strecke der Berninabahn also wirklich nicht entsprechend dem optimalen Panorama gebaut...! Oder die Fahrzeuge kamen nicht zur Wirkung oder hatten keine oder die falsche Farbe. So haben die Lithografen zum feinen Skalpell gegriffen und sich eine (kommerziell) passende Realität geschaffen.

 

In diesem Kapitel werden also Postkarten gezeigt, welche mehr oder weniger offensichtlich manipuliert wurden.

 

Verlag: Editions Photoglob, Zürich. Karte ungelaufen

Diese Abbildung des Triebwagens BCe4 3 ist einer meiner "Stars" in diesem Kapitel, der meine detektivische Ader aktiviert hat:

 

Die Aufnahme des Hintergrundes wurde auf einer Anhöhe oberhalb Morteratsch gemacht, man blickt auf den Gletscher hinab. Dort gibt es keine Berninabahn.

 

Die Routentafel rechts zeigt "per l'Engiadina", der Triebwagen würde jedoch Richtung Süden fahren, wenn er denn in der Nähe von Morteratsch fotografiert worden wäre, die Stellung der Lyrabügel und der leere Führerstand rechts weisen auf den ersten Blick darauf hin.

 

Die Lyrabügel sind wohl von Hand nachgezeichnet. Sie stimmen nicht mit der Perspektive des Betrachters überein.

 

Normalerweise fuhren die Triebwagen immer mit dem Erstklassabteil (hier noch zweite Klasse) Richtung Tirano. Da der Lokführer im Führerstand links erkennbar ist, und die Tafel das Ziel St. Moritz angibt, muss die Aufnahme des Fahrzeugs von der anderen Seite des Triebwagens gemacht worden sein.

 

Der Schatten auf dem ebenfalls optimierten Schriftzug "Bernina" weist entweder auf einen wegretouchierten Masten hin - oder dem entsprechenden Schatten. Ich glaube Aufnahmen zu kennen, welche mit Mast sind - ich komme darauf zurück.

 

Abgesehen davon finde ich diese Karte eine der schönsten Karten mit einem alten Triebwagen der Berninabahn.

 

Verlag Edition Photoglob, Zürich

Auf dieser seltenen (weil koloriert) Karte sind der Piz Morteratsch (rechts) und der Piz Bernina mit dem markanten Biancograt zu sehen. Im Original wäre nur ein fototechnisch unattraktiver, schattiger Hang zu sehen. So hat der Retoucheur das Bergpanorama um mehr als 90 Grad von rechts ins Bild gerückt.

 

Verlag Edition Photoglob, Zürich

Typische Karte für das Morteratsch-Syndrom: Hier gibts fast keine Möglichkeit, die Bahn oder das Hotel mit der Bergkulisse zu fotografieren. Deshalb wird gerade bei Morteratsch-Karten heftig gemogelt. Das Bergpanorama ist um etwa 90Grad verschoben.

 

Quelle der Karte: Ricardo

 

Verlag Bertschinger, Davos

Das Problem der armen Morteratscher ist leider unveränderlich! So müssen die geografischen Realitäten auch in der "Moderne" angepasst werden, damit sowohl Hotel, Bahn und Panorama auf ein Bild passen. Hier wurde ist das Panorama gleich um 180 Grad gedreht - wohl nach dem Motto "wenn schon, denn schon"  :-)